Kategorie: Weg mit §218

Kundgebung „Weg mit §218“ – ein Rückblick

Wir bedanken uns bei all den tollen Beiträgen und allen mitwirkenden Gruppen und Einzelpersonen bei der Kungebung am 15.05.2021.

Die Rote Hilfe Heidelberg/Mannheim hält einen Redebeitrag zur „Repression im Kampf gegen den
§ 218″

Im Folgenden findet ihr unseren Redebeitrag.

Abtreibung – eine feministische Analyse

Liebe FreundInnen, Feministinnen und PassantInnen!

Ob es legitime Gründe für ein Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen gibt, sollte eigentlich keine Frage mehr sein – seit Jahrhunderten kämpfen Frauen für reproduktive Gerechtigkeit. Doch für viele Menschen steht die körperliche Selbstbestimmung der Frau noch zur Debatte. Dabei sprechen wir hier nicht nur von FundamentalistInnen und Rechtsradikalen, sondern auch von weiten Teilen des konservativen Bürgertums.

Heute wollen wir über die patriarchalen Argumente gegen Schwangerschaftsabbrüche und die daraus resultierenden Konsequenzen für Frauen, die einen Abbruch durchführen wollen, sprechen.

Der Kernpunkt der Argumentation für ein Verbot von Abbrüchen liegt in der Ausdehnung des moralischen Status von Erwachsenen auf Embryonen. Das bedeutet, dass dem menschlichen Embryo derselbe moralische Status und dasselbe unantastbare Recht auf Leben wie erwachsenen Menschen zugesprochen wird. Die logische Konsequenz daraus: Schwangerschaftsabbrüche seien Mord.

Ein weiterer Grund, Frauen ihr Selbstbestimmungsrecht zu verwehren, stellt für AbtreibungsgegnerInnen die religiös begründete „Heiligkeit des Lebens“ dar. Die Heiligkeit des Lebens wird von Strenggläubigen damit begründet, dass ein Mensch von der Empfängnis an ein von Gott geschaffenes Wesen sei.

Doch nicht nur Gläubige gehen von dieser Argumentation aus, sondern auch die Justiz. Statt der Heiligkeit des Lebens wird hier die vermeintliche Menschenwürde des Embryos als Grund herangezogen, um Frauen ihr Selbstbestimmungsrecht abzusprechen.

All diese Argumentationsformen suchen einen Weg, um zu begründen, warum das menschliche Leben ab einem bestimmten Zeitpunkt schützenswert ist. Das ausschlaggebende Werturteil, das hier getroffen wird, wird gar nicht erst angesprochen: Das körperliche Selbstbestimmungsrecht der Frau wird gegen die auf verschiedene Arten konstruierten Rechte des ungewollten Embryos, der sich in ihrem Körper befindet, abgewogen. Hier wird also nicht in erster Linie begründet, ab wann menschliches Leben schützenswert ist, sondern es soll ein Zeitpunkt festgelegt werden, ab dem der Verbleib eines ungeborenen Zellhaufens wichtiger ist als die körperliche Selbstbestimmung, die Lebensplanung und ultimativ die Würde der Frau.

Hier wird schnell deutlich, dass hinter den Argumenten von Abtreibungsgegner und -gegnerinnen keine rational begründbaren Thesen stehen, sondern vor allem eines: der Wille, über den weiblichen Körper zu bestimmen.

Dass die konstruierten Rechte des Ungeborenen von ihnen wie selbstverständlich über das Leben und den Körper der Frau gestellt werden, zeugt davon, dass Frauen für diese Menschen nicht viel mehr als Gebärmaschinen sind, die ihrer Funktion nicht nachkommen, wenn sie einen Abbruch durchführen wollen.

In diesen Kreisen macht man sich Sorgen, dass Frauen ohne ein Verbot wegen ihrer Urlaubsplanung und aus allen möglichen, arbiträren Gründen abtreiben würden. Es scheint so, als würden Abtreibungsgegner*innen denken, dass Frauen zum Spaß Schwangerschaften abbrechen. Dass Frauen dazu fähig sind, rational zu denken und autonome Entscheidungen zu treffen, und dass sich keine Frau eine Abtreibung wünscht, weil es ihr so große Freude macht, ist für sie nicht vorstellbar.

Doch das misogyne Frauenbild und die irrationalen Ängste der GegnerInnen und KritikerInnen von Abtreibung zeigen gesellschaftliche Wirkung:

Ein Schwangerschaftsabbruch ist bis heute ein gesellschaftliches Tabu, das vom Gesetzgeber nur gebilligt wird, wenn die betroffene Frau eine Handvoll willkürlicher Auflagen erfüllt. Die Frist von 12 Wochen, die einer medizinischen Begründung entbehrt und die an die katholische Idee der Beseelung angelehnt ist; das bevormundende, verpflichtende Beratungsgespräch, dessen gesetzlich vorgeschriebenes Ziel es sein soll, die Frau von der Abtreibung abzubringen; dass die Frau zwei verschiedene ÄrztInnen aufsuchen muss, weil Beratung und Abbruch nicht von derselben Ärztin vorgenommen werden dürfen – in den Paragraphen 218 bis 219b wird deutlich, dass die Frau auch vom Gesetzgeber für nicht imstande befunden wird, Entscheidungen über ihren eigenen Körper zu treffen.

Abgesehen von diesen gesetzlichen Hürden erschweren eine absurd geringe Dichte an Abtreibungskliniken und ÄrztInnen, die bereit sind, diesen Eingriff durchzuführen, den Prozess. Auch in Heidelberg findet sich keine Klinik, die bereit ist, Schwangerschaftsabbrüche vorzunehmen. Im Uniklinikum beruft man sich auf christliche Werte. Triftigere Gründe dafür sind der Umstand, dass der Eingriff im Medizinstudium nicht gelehrt wird, sämtliche Weiterbildung also eigenständig erfolgen muss, und praktizierende ÄrztInnen mit Angriffen, Diffamierungen und Anzeigen von Abtreibungsgegnern zu rechnen haben.

Nicht nur die Suche nach einer Klinik und die Reise dorthin, die in den meisten Fällen mehrere hundert Kilometer umfasst, sondern auch das verpflichtende Beratungsgespräch stellt ein Hindernis dar. Eine Zwangsberatung spricht Schwangeren die Fähigkeit ab, selbstständig denken und entscheiden zu können.

Religiöse Organisationen lauern auf Frauen, die in der nervenaufreibenden Zeit einer ungewollten Schwangerschaft Hilfe und Rat suchen – und vor allem eine Beratungsbescheinigung. Dabei geben sich für Beratungsstellen aus, obwohl sie nicht imstande sind – und auch nicht planen –, eine Beratungsbescheinigung auszustellen, die für die Abtreibung benötigt wird. Stattdessen ist ihr einziges Ziel, Schwangere zu manipulieren und sie um jeden Preis von einer Fortführung der ungewollten Schwangerschaft zu überzeugen. Die Frauen werden von diesen Stellen hingehalten, bis die zwölfwöchige Frist verstrichen ist, in der ein Schwangerschaftsabbruch noch nicht strafbar ist. So zum Beispiel die scheinheilige Stelle „Pro Femina“, die es auch in Heidelberg Handschuhsheim gibt.

Der Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft wird durch das archaische geltende Recht, die mangelhafte medizinische Infrastruktur und die Hinterlist von religiösen Fanatikern, die sich nicht um ihren eigenen Kram kümmern können, massiv erschwert. Hinzu kommt außerdem das gesellschaftliche Stigma, dem Frauen ausgesetzt sind, die abgetrieben haben. Auch 50 Jahre nach der EMMA-Kampagne „Wir haben abgetrieben!“ wird nicht offen über Schwangerschaftsabbrüche gesprochen.

Wir fordern, dass Schwangerschaftsabbrüche als selbstverständliche Ausübung der weiblichen Selbstbestimmung anerkannt werden! Das heißt: eine grundlegende Überarbeitung der Paragraphen 218 bis 219b des Strafgesetzbuchs, die auf die nur dünn als Moral kaschierte, patriarchale Bevormundung der Frau verzichtet und unser Recht auf körperliche Selbstbestimmung vollständig anerkennt!

Veranstaltungsreihe „Weg mit §218 – 150 Jahre Fremdbestimmung sind genug“

Die Veranstaltungsreihe „Weg mit §218 – 150 Jahre Fremdbestimmung sind genug!“ findet zwischen 15.05.2021, dem 150. Jahrestag der Einführung des Paragraphs ins Strafgesetzbuch und dem Safe Abortion Day am 28.09.2021 statt.

Im letzten Vortrag gibt Sarah Diehl einen internationalen Ausblick auf die Stigmatisierung und Hindernisse in der Frauengesundheit mit einem Fokus auf Schwangerschaftsabbrüche.

In den meisten Ländern sind Schwangerschaftsabbrüche immer noch illegal oder aufgrund ihrer Stigmatisierung nicht zugänglich. Weltweit sterben etwa 48.000 Frauen aufgrund dieser Illegalisierung, etwa 5 Mio. tragen schwerwiegende Gesundheitsschäden davon. Weltweit versuchen Konservative mit der Fokussierung auf den Embryo die Lebensrealität und die Bedürfnisse von Frauen unsichtbar zu machen. Das Mutterideal wird benutzt, damit Frauen weiterhin Fürsorgearbeit unbezahlt und unsichtbar in der Gesellschaft leisten. Der Vortrag gibt einen Überblick über Gesetze und Bewegungen, die Frauen davon abhalten ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, aber auch über die Frauensolidarität und Selbstorganisation wie Ciocia Basia oder Women on Waves, die es Frauen weltweit ermöglicht trotz Illegalität einen sicheren Zugang dazu zu bekommen.

Sonntag, 19.09. – 20 Uhr live bei Youtube: https://youtu.be/OOn_V6w4LXo

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Die erste Online-Veranstaltung mit Fragerunde „Warum Frauen seit 150 Jahren Widerstand leisten“ vom 06.06.2021 kann hier im Youtube-Stream nochmal angeschaut werden.

Am 27.06. um 20Uhr findet unsere zweite Veranstaltung der Vortragsreihe „Weg mit Paragraph 218 – 150 Jahre Fremdbestimmung sind genug“ im Youtube-Livestream statt. Unter dem Titel „Mein Bauch gehört mir – über die Geschichte der Pro-Choice Bewegung“ wird Brigitte Kiechle in Form eines Gesprächs mit dem Feministischen Bündnis Heidelberg über die Geschichte der Pro-Choice Bewegung berichten. Hierbei werden einerseits ihre persönlichen Erfahrungen als langjährige feministische Aktivistin Gehör finden und andererseits die Kämpfe der Frauen von damals mit den Kämpfen der Frauen von heute einen Abgleich finden.

Am 18.07. um 19Uhr findet die dritte Veranstaltung unserer Vortragsreihe statt. Wir laden euch herzlich ein gemeinsam im Karlstorkino in Heidelberg den Film „Der lange Arm der Kaiserin“ von Susanne Riegler zu schauen und im Anschluss zu diskutieren.

Der Film „Der lange Arm der Kaiserin“ zeigt mehr als deutlich auf, welches unfassbare Leid das staatliche Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen schon seit hunderten von Jahren in allen Ländern generiert. Neben einer historischen Analyse werden die tragischen Situationen von Frauen, welche gezwungen sind einen illegalen Abbruch durchzuführen, von verschiedenen ZeitzeugInnen authentisch geschildert. Am Ende spannt der Film einen Bogen bis in die Gegenwart und zeigt auf, dass die reproduktiven Rechte auch heute noch stark durch staatliche Interventionen und politische wie kirchliche Interessen eingeschränkt werden.

Die vierte Veranstaltung findet am Sonntag den 08.08.21 um 20 Uhr im Youtube-Livestream statt.

Der Kulturkampf der Anti-Choice-Bewegung. Eine Analyse der selbsternannten „Lebensschutz“-Bewegung, sowie ihrer Ideologie und Methoden

Radikale Abtreibungsgegner*innen wie „pro femina“, die „Aktion Lebensrecht für Alle“ oder „Sundays for Life“ arbeiten mit vielfältigen Methoden und bisweilen bestens vernetzt an ihrem Ziel Schwangerschaftsabbrüche zu verunmöglichen. Ihr Kampf gegen Abtreibung beinhaltet dabei gleichzeitig eine umfassende Kritik an der heutigen Gesellschaft, die aus ihrer Sicht im Untergang begriffen ist.

Der Vortrag richtet sich an alle, die sich einen Überblick über die derzeitige Situation ungewollt Schwangerer in Deutschland verschaffen möchten. Er analysiert zudem den von der Anti-Choice-Bewegung geführten Kulturkampf, die dahinterstehenden Ideologien und widmet sich relevanten Gruppierungen sowie ihren Netzwerken.

Lina Dahm ist Aktivistin und freie Journalistin aus München. Sie beschäftigt sich seit 2017 mit Antifeminismus.

In der fünften Veranstaltung begrüßen wir Kristina Hänel zum Interview. Wir sprechen wir mit ihr über ihren Weg von einer Ärztin, die Schwangerschaftsabbrüche durchführt und darüber informiert, zu einer Symbolfigur der reproduktiven Selbstbestimmung. Wir werfen einen Blick auf die aktuelle rechtliche Lage in Deutschland und wie diese Ärztinnen und vor allem Frauen benachteiligt, wie die Ausbildung von jungen Mediziner*innen in diesem Bereich gerade aussieht und was wir alle tun können, um die Situation zu verbessern!

Hier könnt ihr die Veranstaltung verfolgen: https://youtu.be/JCYBjYLgBKM

150 Jahre §218 StGB – Es reicht!

Ersatzlose Streichung und nicht weniger!

Wir Frauen* fordern das Recht, selbst zu entscheiden, ob wir überhaupt Kinder wollen, wann wir Kinder wollen und wieviele Kinder wir wollen. Dazu gehört auch das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, nach den besten medizinischen Bedingungen und kostenlos.

Am 15.5.1871 wurde der §218 ins Reichstrafgesetzbuch aufgenommen. Seit dieser Zeit besteht auch der Kampf für die Abschaffung dieses Schandparagraphen. Bis heute ist ein Schwangerschaftsabbruch in der BRD immer noch grundsätzlich strafbar und gilt nur unter bestimmten Bedingungen als gerechtfertigt. Dies ist unter anderem innerhalb der ersten drei Monate der Schwangerschaft nach Zwangsberatung der Fall. Es muss endlich Schluss damit sein, dass Lebensentscheidungen von Frauen* letztlich von Moralvorstellungen und dem konservativen Frauen*bild von Kirchenmännern, Politiker*innen, rechten „Lebensschützer“ –Kreisen, Richter*innen und Staatsanwält*innen abhängig gemacht wird.

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Weg mit §218 – 150 Jahre Fremdbestimmung sind genug!

Kundgebung am 15.05.21 – 18:00 – 19:30, Universitätsplatz Heidelberg

Flyer zur Kundgebung

§218 wird 150 Jahre alt. Das heißt, dass seit dem 15.05.1871 Schwangerschaftsabbrüche als Tötungsdelikte klassifiziert werden. Und das heißt auch, dass Frauen, die über ihre reproduktiven Rechte und ihren Körper selbst bestimmen wollen, bereits seit 150 Jahren kriminalisiert werden.

Deshalb wollen euch einladen mit uns auf die Strasse zu gehen, um dem ein Ende zu setzen. Wir kämpfen für die Abschaffung des §218 und eine uneingeschränkte Selbstbestimmung aller Frauen und werden nicht ruhen, solange uns unsere reproduktiven Rechte nicht endlich zugestanden werden.

Es wird verschiedene Rede- und musikalische Beiträge geben. Falls ihr Lust habt, die Kundgebung mit einem Redebeitrag, Auftritt oder Infostand zu bereichern, meldet euch gerne bei uns unter feministisches_buendnis_hd (at) riseup (dot) net.

Mehr Informationen zur Veranstaltung unter https://www.facebook.com/events/998433954025785/