Kategorie: Prostitution

Gespräch mit der Aktivistin und Aussteigerin Sophie Hoppenstedt

Wann: Samstag, den 03.04.2021 um 19Uhr hier im Youtube Live-Stream

Die Krise steckt im System – Prostitution

Gespräch mit der Aktivistin und Aussteigerin Sophie Hoppenstedt

Frauen in der Prostitution leben und arbeiten meist in sehr prekären Verhältnissen.

Sie sind ständig Armut, Ausbeutung und sexueller Gewalt ausgesetzt und dabei häufig zusätzlich von rassistischer Diskriminierung betroffen. Die Corona-Krise hat diese Situation weiter verschlimmert und den eklatanten Mangel an Ausstiegsmöglichkeiten und staatlichen Hilfen für Frauen in der Prostitution verdeutlicht.

Gemeinsam mit der Aktivistin und Aussteigerin Sophie Hoppenstedt vom Netzwerk „Ella e.V.“ wollen wir über das Versagen staatlicher Regulierung reden und dabei insgesamt das System Prostitution als gesellschaftliche Institution hinterfragen.

Hierzu diskutieren wir unter anderem das „Nordische Modell“ und in wie weit es Frauen in der Prostitution mehr Sicherheit und Unterstützung bieten kann. Anstelle der Kriminalisierung von Frauen, werden hier Freier und Zuhälter vom Sexkauf abgehalten.

Im Anschluss habt ihr dann die Möglichkeit, eure eigenen Fragen zu stellen.

Wir freuen uns auf eure Teilnahme!

Vortrag zum Nordischen Modell von Hanna Vatter

Save the Date: Samstag, 27.03.2021 um 18Uhr unter folgendem Link: https://bbb.stura.uni-heidelberg.de/b/pob-gee-j6m-32y

Der Vortrag ist eine Kooperationsveranstaltung des StuRa HD und des Feministischen Bündnis.

Ankündigung

Seit 2002 ist die Prostitution in Deutschland formal als normales Arbeitsverhältnis organisiert. Mit der Legalisierung wurde damals intendiert, die immense Gewalt und Stigmatisierung abzubauen, von denen die Frauen in der Prostitution betroffen sind. Studien zufolge ist jedoch keines dieser Ziele erreicht worden. Hanna Vatter vom Feministischen Bündnis Heidelberg erläutert, warum mit der Prostitution nicht wie mit einer beliebigen andere Arbeit umgegangen werden kann. Denn bei dem Phänomen Prostitution spielen Fragen der männlichen, sexualisierten Macht und Dominanz eine große Rolle. Das wird bspw. in der immensen Gewalt sichtbar, der die Frauen dort ausgesetzt sind. Der größte Teil der Gewalt wird von den Freiern selber ausgeübt. In Befragungen von Freiern offenbaren diese ihre misogyne Einstellung Frauen gegenüber und ihre erhöhte Bereitschaft, Gewalt gegen sie zu legitimieren. Es geht in der Prostitutionsfrage also darum, aktuelle männliche Subjektivierung und Sexualität mit dem Kauf von Prostitution zusammen zu denken. Hanna Vatter erläutert im Vortrag den feministisch-theoretischen Hintergrund der Existenz der Prostitution. Es wird weiterhin um mögliche Strategien gehen, rechtlich mit ihr umzugehen. Hier stellt sie Möglichkeiten vor, die sich durch eine Einführung des „Nordischen Modells“ eröffnen können.

Podcast zum Sammelband: Was kostet eine Frau?

Akut+[C] HD hat uns als Feministisches Bündnis für seinen dritten Podcast angefragt. Im 50-minütigem Gespräch diskutieren die Mitherausgeberinnen und Autorinnen des Buches, Mara Moneyrain und Hanna Vatter, mit Akut+[C] zu Fragen zur aktuellen Situation von Frauen in der Prostitution in Deutschland, reden über verschiedene Gesetzgebungen, insbesondere über das Nordische Modell und rücken auch explizit den Freier ins Zentrum der Debatte.

Viel Spaß beim zuhören und stay tuned!

Was kostet eine Frau

Veröffentlichung unseres Sammelbandes zur Kritik der Prostitution!

Erhältlich im Alibri-Verlag

Endlich ist unser Sammelband „Was kostet eine Frau? Eine Kritik der Prostitution“ draußen! In Zusammenarbeit mit engagierten Frauen, Aussteigerinnen aus der Prostitution und Expertinnen für soziale Arbeit, Psychologie und Soziologie, die sich seit Jahren mit dem Thema Prostitution auseinandersetzen, haben wir auf 300 Seiten eine vielschichtige Analyse des Milieus angestellt. Insbesondere beleuchten wir den Freier als Täter, die Auswirkungen von Sexkauf auf prostituierte Frauen und die Einbettung der Prostitution in den gesamtgesellschaftlichen, kapitalistisch-patriarchalen Kontext.

Da eine Buchtour wegen der aktuellen Corona-Situation leider vertagt werden muss, stellen wir euch den Sammelband am 25.11., dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, im Rahmen einer Online-Veranstaltung vor. Bis dahin ein kurzer Einblick:

Im Patriarchat zu leben bedeutet für viele Frauen, mit Armut, Ausbeutung und sexualisierter Gewalt konfrontiert zu sein. Die Prostitution stellt dabei eine besondere Bedrohung für Leib und Leben dar – von ihr betroffen sind vor allem Frauen in ökonomischen, sozialen und emotionalen Abhängigkeitsverhältnissen. In den Beiträgen dieses Sammelbandes wird die Verflechtung von Patriarchat, Kapitalismus und Prostitution aus feministischer Perspektive analysiert. Entgegen gängiger Debatten rückt zudem der Freier als Täter in den Fokus, der durch Sexkauf Gewalt gegen Frauen ausübt.

** Informationen zu unseren anstehenden Veranstaltungen zur Buchveröffentlichung findet ihr hier! **

Weiterer Mord an Frau in Prostitution

In der Nacht vom Sonntag, den 27.09.20 wurde wieder eine Frau in der Prostitution getötet. Der Täter wird aktuell gesucht – die Chancen einer Aufklärung stehen allerdings schlecht. Schließlich werden viele solcher grauenhaften Taten an Frauen in der Prostitution nicht aufgeklärt. In den meisten Fällen sind die Täter Sexkäufer. Leyhan Veith war erst 40 Jahre alt und hätte noch ein langes Leben vor sich gehabt. Sexkäufer üben nicht ohne Grund Gewalt an Frauen aus – sie betrachten Frauen als kaufbare Objekte. Seit 2000 wurden deshalb um die 100 prostituierte Frauen in der BRD von Männern getötet.

Hinweise nimmt die Kieler Kriminalpolizei unter (0431) 160 33 33 entgegen.

Weitere Infos hier!

Protest gegen Sexkauf 2020

Dies ist ein Redebeitrag des Bündnisses, gehalten bei der Veranstaltung „Mannheim gegen Sexkauf“ vom 19.09.2020:

„Schätzungsweise 400.000 Frauen befinden sich in Deutschland in der Prostitution. Pro Tag kaufen Männer in Deutschland über eine Million Mal Sex. Einen Döner essen hingegen nicht einmal 700.000 Menschen. So präsent, so allgegenwärtig ist Prostitution. Diese Zahlen klingen absurd hoch, weil wir die Realität der Prostitution aus unserem Alltag sehr bequem ausklammern. In jeder deutschen Großstadt, hier in Mannheim, in Heidelberg, leben Frauen, für die jeder Tag aufs Neue verheißt, ihren Körper für sogenannte sexuelle Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen und ungewollten Geschlechtsverkehr mit fremden Männern über sich ergehen zu lassen, um ihre Existenz sichern zu können. Frauen, deren Alltag daraus besteht, Abspaltung von ihrem eigenen Körper zu betreiben, der in der Prostitution zur Ware geworden ist. Frauen, die ähnlich oft wie Kriegsveteranen eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln, weil sie tagtäglich das Unaushaltbare aushalten müssen.

Jeder Mann lebt in Deutschland in dem Wissen, dass er sich jederzeit Sex erkaufen kann. Sex mit einer Frau, deren Körper seinen Vorstellungen und Fantasien entspricht. Sex mit einer Frau, die sich so verstellt, wie er sie gerne hätte. Sex, der genauso abläuft, wie er das möchte. Wer genug Geld ausgibt, kann sich jede noch so perverse Fantasie erfüllen lassen. Die Bedürfnisse der prostituierten Frau spielen hierbei überhaupt keine Rolle – wie auch? Sie braucht Geld, und ein unzufriedener Freier zahlt nicht, kommt nicht mehr wieder oder sorgt für Probleme mit dem Zuhälter. Je größer ihre ökonomische Not, desto mehr muss sie mit sich machen lassen, um genug Geld beschaffen zu können; denn Bedingungen kann nur stellen, wer sich leisten kann, Freier zu verlieren. Wie freiwillig kann dieser Sex denn sein, wenn die Alternative ist, die Miete nicht bezahlen zu können?

Von vielen Seiten wird die Prostitution als Beruf bezeichnet. Prostitution sei eine Dienstleistung wie jede andere, behauptet man, und vergleicht Bezahlsex mit einer Massage oder einem Haarschnitt. Hierbei wird völlig ignoriert, dass für jede andere Dienstleistung egal ist, wie die Person aussieht, die sie leistet. Die Dienstleistung steht nämlich im Vordergrund, nicht die Arbeiterin, die sie durchführt. Die Prostitution macht aus, dass hier nicht nur für eine Handlung bezahlt wird, sondern für die ganze Frau. Und nicht nur der Körper der Frau muss den Vorstellungen des Freiers entsprechen, sie muss ihm auch einen Charakter vorspielen: Mal naiv, mal dominant, der Mann weiß genau, wie er die Frau gerne hätte, die er für einen Sexualakt benutzt, den man schon fast als Masturbation mithilfe eines Frauenkörpers bezeichnen kann. Von der Frau als Person bleibt beim Bezahlsex nicht viel übrig. Der Freier freut sich, dass er die Fantasien, die er den ganzen Tag mit sich herumträgt, endlich auf eine Frau projizieren kann, die ihre eigenen Bedürfnisse und ihren authentischen Charakter auf den Nullpunkt heruntergeschraubt hat, um ihm komplett als Projektionsfläche zu dienen. Die prostituierte Frau wird zu einer leeren Hülle einer Frau, die der Freier durch seine Fantasie mit Inhalt füllt. Sie wird zum totalen Objekt seiner Lust. Dass eine derart empathielose, totale Objektifizierung für so viele Männer überhaupt möglich ist, zeugt davon, wie sich Freier durch die Welt bewegen und mit welchen Augen sie jede Frau betrachten. Wenn es ein Mann über sich bringt, eine von uns Frauen derart zu misshandeln, dann hat er keine Skrupel davor, es mit jeder anderen zu tun, wenn sich die Möglichkeit ergibt. Die Täter gehören hierbei klar benannt. Circa jeder zehnte bis fünfte deutsche Mann kauft mindestens einmal in seinem Leben Sex. Ich kann jede nur dazu anhalten, sich in der Fußgängerzone umzuschauen und sich diese Zahlen vor Augen zu führen. Freier, wir sehe euch, und wir setzen alles daran, dass eure gerechte Strafe euch ereilen wird.

Prostitution geht uns alle an. Nicht nur, weil die größtmögliche Solidarität mit prostituierten Frauen die einzig richtige Antwort auf das Leid ist, das sie täglich erfahren. Auch, weil Prostitution nur in einer Gesellschaft stattfinden kann, deren Frauenbild es überhaupt erst möglich macht, dass weibliche Sexualität zur beliebten Ware wird.

1,2 Millionen Mal am Tag wird in Deutschland Sex gekauft. Das ist eine Schätzung des Statistischen Bundesamtes. So häufig benutzen Männer prostituierte Frauen tagtäglich für ihren eigenen Lustgewinn. So häufig müssen diese Frauen dissoziieren, lernen, ihren Körper nicht mehr zu spüren, durchhalten, bis es vorbei ist. An die Decke schauen, abwarten, den Ekel verstecken vor dem fremden, verschwitzten Mann, der da auf einem liegt.

Was das mit diesen Frauen macht, zeigt eine großflächige Studie der US-amerikanischen Psychologin Melissa Farley: Etwa 68 Prozent der Prostituierten entwickeln eine posttraumatische Belastungsstörung, ihre Symptome sind mit denen von Kriegsveteranen und Folteropfern vergleichbar. Eine PTBS entsteht nach einem Erlebnis oder einem Zeitraum, der für die Psyche unerträglich war und nur durch Abspaltung ausgehalten werden konnte. Auch Jahre nach ihrem Ausstieg leiden die Frauen noch unter den Nachwirkungen ihrer Tätigkeit. Viele Frauen befinden sich in ständiger Alarmbereitschaft, dissoziieren, haben blitzartig einschießende Erinnerungen an das erlebte Grauen. Eine Tätigkeit, die Frauen mit derartigen Schäden zurücklässt, kann keine Arbeit sein wie jede andere.“

Was heißt es für eine Gesellschaft, dass sie diese Zustände billigt? Dass sie wegschaut, relativiert oder rechtfertigt, dass so etwas stattfindet? Legalisierung von Sexkauf ist nur in einer Gesellschaft möglich, die sich für das Leid von Frauen wenig interessiert. Wenn anstelle von Ausstiegsangeboten Verrichtungsboxen auf dem Berliner Straßenstrich finanziert werden, spätestens dann ist klar, dass das Elend in der Prostitution bereitwillig akzeptiert wird.

Wir stehen heute hier, weil wir uns für eine Gesellschaft einsetzen, die etwas gegen diese Zustände unternimmt. Wir stehen hier, weil wir uns dagegen wehren, dass das Leid von hunderttausenden Frauen entweder totgeschwiegen oder in Kauf genommen wird.

Deshalb fordern wir die Einführung des Nordischen Modells auch in Deutschland. Wir fordern das Verbot von Sexkauf und die Bestrafung von Freiern. Wir fordern den Aufbau eines staatlich finanzierten, großflächigen Netzwerks von Ausstiegshilfen für Prostituierte. Das beinhaltet die Finanzierung von Frauenhäusern, den Abbau institutioneller Hürden beim Ausstieg, die Finanzierung von Psychotherapie zur Behandlung der Folgeschäden und die Unterstützung bei der Wohnungssuche und Wiedereingliederung in den regulären Arbeitsmarkt. Sexkauf zu verbieten und sich damit klar gegen die sexuelle Ausbeutung von Frauen zu positionieren ist ein großer Schritt, der auf dem Weg in Richtung Geschlechtergleichheit getan werden muss und der in Deutschland aussteht. Wir verlangen, dass dieser Schritt jetzt getan wird.